Alternativvariante

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Zu einer Textstelle als weitere Realisierung dieser Textposition platziertes Wort, Textstück o. ä., das die Form eines neuen Vorschlags aufweist, da die erste Formulierung nicht getilgt ist. Im weiteren Verständnis sind beide Textelemente, die erste Formulierung wie der neue Vorschlag, als Alternativvarianten aufzufassen.

Explikation

Häufiger belegt ist die Alternativvariante zum Beispiel bei Friedrich Hölderlin oder Annette von Droste-Hülshoff. Bei Letzterer stellt sie ein Grundphänomen des Schreibprozesses dar, tritt bis in Reinschriften hinein auf und kann neben der gängigen Form der nachträglichen Hinzufügung auch sofort nach Niederschrift der ersten Formulierung innerhalb der Zeile vorgenommen sein; sowohl der neue Vorschlag als gelegentlich auch die erste Formulierung können dabei durch Abgrenzungs- bzw. Zugehörigkeitsmarkierungen ausgezeichnet sein. Weitere textuelle Realisierungen können auch von anderer Hand erfolgt sein und dabei als autorisierte Variante oder als Fremdvariante auftreten; siehe z. B. die von Goethe gewünschte Durchsicht seines Versepos ‚Hermann und Dorothea‘ durch Johann Heinrich Voß d. J., dessen Vorschläge Goethe aber letztlich nicht übernahm.

Forschungsbericht

Das verbreitete Verständnis des Begriffs spiegelt die Definition bei Bodo Plachta: „Alternative Veränderungen einer Textstelle, bei denen der Autor sich noch nicht für den einen oder anderen Wortlaut entschieden hat.“(1) Den gängigen Terminus als begrifflich falsch zurückgewiesen hat Herbert Kraft aufgrund seines Verständnisses von Variante(2) und seines Verständnisses von Fragment(3), das als nicht mehr im Entstehungsprozess befindlicher Text keine Entscheidung über Alternativvarianten ermögliche: „Die sogenannten Alternativen sind Bestandteile desselben Textes, darum keine Varianten; sie sind konstitutive Textelemente“(4). Als Terminus für dieses Phänomen hat Kraft stattdessen Mehrfach besetzte Funktionsposition(5) bzw. Mehrfach besetzte Ausdrucksposition(6) verwendet. Keiner dieser beiden Vorschläge ist bisher signifikant aufgegriffen worden.
Hurlebusch(7) benutzt gemäß seiner Nomenklatur (siehe Änderung und Variation) die Bezeichnung Alternativvariation.

Siehe auch

Literatur

  • Hurlebusch, Klaus, [Abschnitt:] Typologische Änderungsbefunde und ihre Termini, in: Friedrich Gottlieb Klopstock: Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, begründet von Adolf Beck, Karl Ludwig Schneider und Hermann Tiemann, hg von Horst Gronemeyer, Elisabeth Höpker-Herberg, Klaus Hurlebusch und Rose-Maria Hurlebusch, Abt. Addenda, Bd. 2: Klopstocks Arbeitstagebuch, hg. von Klaus Hurlebusch, Berlin, New York 1977, S. 196–203.
  • Kraft, Herbert, Die Edition fragmentarischer Werke, in: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 5, 1975, H. 19/20: Edition und Wirkung, hg. von Wolfgang Haubrichs, S. 142–146.
  • Kraft, Herbert, Editionsphilologie. Mit Beiträgen von Jürgen Gregolin, Wilhelm Ott und Gert Vonhoff, unter Mitarbeit von Michael Billmann, Darmstadt 1990.
  • Kraft, Herbert, Editionsphilologie. Zweite, neubearbeitete und erweiterte Aufl. mit Beiträgen von Diana Schilling und Gert Vonhoff, Frankfurt am Main u. a. 2001.
  • Nutt-Kofoth, Rüdiger, Zwischen Autorstreichung und Fremdstreichung. Zum Problem des Schreibens in Alternativen bei Annette von Droste-Hülshoff – mit allgemeinen Überlegungen zur Systematisierung der ‚Streichung‘, in: Schreiben und Streichen. Zu einem Moment produktiver Negativität, hg. von Lucas Marco Gisi, Hubert Thüring und Irmgard M. Wirtz, Göttingen, Zürich 2011 (Beide Seiten. Autoren und Wissenschaftler im Gespräch. 2), S. 111–130.
  • Nutt-Kofoth, Rüdiger, Variante, Lesart, Korrektur oder Änderung? Zum Problem der Synonyme in der neugermanistischen Editionsphilologie, in: Editorische Begrifflichkeit. Überlegungen und Materialien zu einem „Wörterbuch der Editionsphilologie, hg. von Gunter Martens, Berlin, Boston 2013 (Beihefte zu editio. 36), S. 113–124.
  • Plachta, Bodo, Editionswissenschaft. Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte, 3., ergänzte und aktualisierte Auflage, Stuttgart 2013 (1997).

Referenzen

(1) Plachta 1997/2013, S. 136/135.
(2) Kraft 2001, S. 48: „Abweichungen einer anderen Fassung“.
(3) Zuerst Kraft 1975.
(4) Kraft 2001, S. 132.
(5) Kraft 1990, S. 107.
(6) Kraft 2001, S. 132.
(7) 1977, S. 198.


nhr