Critique génétique

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Critique génétique ist eine jüngere Methode der Literaturwissenschaft, die darin besteht, aus überlieferten Schreibspuren die allmähliche Entstehung eines Werks zu rekonstruieren und zu interpretieren. Gegenstand ist nicht der edierte Text in seiner endgültigen Form, sondern die Vielfalt geschriebener Dokumente, die von der Dynamik des Schreibprozesses zeugen. Voraussetzung für die Anwendung der critique génétique ist folglich die Existenz solcher Schreibspuren.

Explikation

Wie der Begriff critique génétique ahnen lässt, geht es um eine kritische Herangehensweise an die Genese literarischer Werke. Genetische Befunde ergeben dann einen Sinn, wenn sie nicht in eine Liste von lokalen Varianten gepresst, sondern im Zusammenhang durchgehender Schreibbewegungen gesehen werden.

Erstmals verwendet wurde der Begriff critique génétique im Jahr 1979, im Kontext der französischen Heine-Forschung.(1) Als 1968 ein großer Teil des Heine-Nachlasses der Sammlung Schocken (Jerusalem) an die Pariser Bibliothèque nationale verkauft wurde, enstand im Centre national de la recherche scientifique eine Heine-Forschungsgruppe, deren Aufgabe es war, die neu eingegangenen Handschriften zu erschließen, zu beschreiben und genetisch zu deuten.
Daraus ergab sich dann als allgemeine Regel für jede genetische Forschung, zunächst alle zu einem bestimmten Werk überlieferten Dokumente zu einem dossier génétique – auch avant-texte genannt – zusammenzufassen. Auch in dieser Phase der Wahl eines avant-texte kann schon ein Moment der Kritik mitspielen, zum Beispiel, wenn der Forscher sich entschließt, die Genese einer bestimmten Textpassage oder eines Motivs zu erforschen.(2) Sein Blick ist subjektiv, wenn er den avant-texte selbst auswählt und zusammenstellt. Damit wird klar, dass critique génétique nicht mit positivistischer Quellenforschung identisch ist, sondern kritische Positionen und Interpretationen verlangt. Mit dem zentralen Begriff der Genese rückt der Blick weg vom Text und hin zum Schreibprozess, weg von der objektiv-deskriptiven und hin zur kritisch-interpretativen Methode.

Genetische Dokumente können eigenhändig vom Autor selbst geschrieben oder von Schreiberhand erstellt sein. Ebenso kann es sich um Typoskripte, Computerausdrucke, Tonbänder, Disketten und mehr und mehr auch um Computer-Festplatten handeln. Schriftträger aus Papier wiederum können sich in Form von Heften, Notizbüchern oder auch losen Blättern präsentieren. Was den genetischen Befund dieser Dokumente betrifft, so lassen diese sich in drei Gruppen einteilen: 1) textvorbereitend: Exzerpte, Notizen, Wortlisten, Personenlisten, Reimwörter, Entwürfe, Skizzen, Szenarios; 2) textausarbeitend: Arbeitshandschriften, Brouillons, Überarbeitungen, Revisionen; 3) textedierend: Reinschriften (eigenhändig oder von Schreiberhand), Typoskripte, Druckvorlagen, korrigierte Druckfahnen, eigenhändig korrigierte Handexemplare von Erstausgaben, autorisierte Neuausgaben.

Wie ein dossier génétique im einzelnen aussieht, hängt schließlich auch von kulturhistorischen und individuellen Gegebenheiten ab: 1) Während an den italienischen Renaissancehöfen die Dichtkunst insgesamt sowie Dichterhandschriften schon seit Petrarca Rang und Namen hatten, wurden beispielsweise im französischen 16. und 17. Jahrhundert kaum literarische Handschriften aufbewahrt; nur der vollendete, d. h. der gedruckte Text besaß Werkcharakter. Deshalb wurden auch die von den Druckern meist mit Fremdelementen übersäten Druckvorlagen bis ins 18. Jahrhundert hinein als wertlos betrachtet und vernichtet. 2) Wichtig für die handschriftliche Überlieferung ist ebenso das Verhältnis des Autors zu seinem Nachlass (bzw. Vorlass): Er kann sein eigenes Archiv anlegen (Goethe), seine Handschriften einem öffentlichen Archiv vermachen (Victor Hugo) oder deren Vernichtung veranlassen oder zumindest erbitten (Mallarmé, Kafka). 3) Entscheidend für die Quantität des genetischen Materials sind schließlich auch die Arbeitsweise des Autors (Kopfarbeiter versus Papierarbeiter) wie auch die jeweils implizierte literarische Gattung (Gedicht versus Roman).

Das dossier génétique, am besten in diplomatischer Transkription sowie in chronologischer Abfolge präsentiert, soll dazu dienen, den Schreibprozess aufzudecken. Dabei geht es nicht darum zu beweisen, dass am Ende der Textproduktion eben nur der eine, vollkommene Text steht, sondern darum, die zahlreichen anderen Möglichkeiten und Hypothesen zu hinterfragen, die der Schreiber zeitweise erwogen und dann wieder verworfen hat. Erst im Nachzeichnen all dieser Umwege oder auch Irrwege, im Aufdecken der Transformationsprozesse, der Schreibblockaden und der plötzlichen Umorientierungen wird deutlich, dass literarisches Schreiben weder erlernbar noch vorhersehbar oder gar programmierbar ist. "Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders, als ich denken soll. Und so geht es weiter bis ins tiefste Dunkel." (Kafka).

Forschungsbericht

In den Jahren 1980-2000 sind zahlreiche grundlegende Arbeiten zur critique génétique erschienen (s. u. Literatur), vor allem in Frankreich, aber auch in Deutschland, Italien und Brasilien.

In diese Zeit fällt auch der Versuch, die Unterschiede zwischen critique génétique und deutscher Editionswissenschaft klarzustellen.(3) Rückblickend lässt sich heute (2017) dazu sagen, dass das Interesse für dynamische Textkonzeptionen beiden Richtungen innewohnt und dass sich im Kontext genetischer Editionen der Unterschied zwischen edierender bzw. interpretierender Tendenz mit der Zeit sowieso relativieren wird.
Mit dem Begriff critique génétique konkurrierend, trat im Jahr 2000 die Bezeichnung La Génétique des textes auf.(4) Gleichzeitig wurde die genetische Methode auf andere Gebiete künstlerischer und wissenschaftlicher Schaffensprozesse übertragen (Theater, Musik, Bildende Kunst, Film und Fotografie); Arbeiten hierzu finden sich vor allem in der Zeitschrift Genesis (Paris: Presses universitaires Paris-Sorbonne) sowie in dem neuen Sammelband L’Œuvre comme processus (Hg. Pierre-Marc de Biasi und Anne Herschberg Pierrot, Paris: CNRS Editions 2017). Einen wichtigen theoretischen Beitrag liefert Daniel Ferrer mit seinem 2011 veröffentlichten Buch Logiques du brouillon. Modèles pour une critique génétique (Paris: Edition du Seuil).

Seit dem Durchbruch der neuen Medien sind auch auf dem Gebiet der critique génétique neue Fragen aufgetaucht: Wird der Computer, der immer mehr das Schreiben mit der Hand ablöst, der critique génétique den Todesstoß versetzen? Wie kann man anhand der Festplatte eines Computers ein dossier génétique neuer Art herstellen? Wie sieht eine genetisch-elektronische Edition aus? (siehe hierzu Genesis Nr. 27, 2006)

Siehe auch

Literatur

  • Biasi, Pierre-Marc de, Génétique des textes, Paris: 2011, Reihe Biblis.
  • Biasi, Pierre-Marc de und Anne Herschberg Pierrot, Hg., L’Œuvre comme processus, Paris 2017.
  • Ferrer, Daniel, Logiques du brouillon. Modèles pour une critique génétique, Paris: Editions du Seuil 2011.
  • Genesis. Manuscrit-Recherche-Invention, Paris: Editions Jean-Michel Place 1992-2008; seit 2010 Presses de l'université Paris-Sorbonne.
  • Grésillon, Almuth, Eléments de critique génétique. Lire les manuscrits modernes, Paris: Puf 1994. – 2. Auflage: CNRS Editions 2016 – [dt. Übersetzung: Literarische Handschriften. Einführung in die "critique génétique", Bern: Peter Lang 1999]
  • Grésillon, Almuth, La Mise en œuvre. Itinéraires génétiques, Paris: CNRS Editions 2008.
  • Hay, Louis, Hg., Les Manuscrits des écrivains, Paris: CNRS Editions/Hachette 1993.
  • Hay, Louis, La littérature des écrivains. Questions de critique génétique, Paris: José Corti 2002.

Referenzen

(1) Louis Hay (Hg.), Essais de critique génétique, Paris: Flammarion 1979.
(2) Vgl. zum Beispiel Almuth Grésillon, Prousts vagabundierendes Schreiben. Zur Genese der Matinée in «La Prisonnière», Rainer Warning (Hg.), Marcel Proust. Schreiben ohne Ende, Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag 1994, S. 66-92.
(3) Vgl. hierzu Almuth Grésillon, Bemerkungen zur französischen «critique génétique», in: Hans Zeller und Gunter Martens (Hg.), Textgenetische Edition, Tübingen: Niemeyer 1998, Beihefte zu Editio 10. – Eine (späte) Replik darauf in Rüdiger Nutt-Kofoth, Editorische Axiome, in: Editio 26, 2012, S. 59-71, hier insbesondere S. 67 sq.
(4) Vgl. Pierre-Marc de Biasi, La Génétique des textes, Paris: Nathan 2000; in erweiterter Fassung und mit leicht verändertem Titel: Génétique des textes, Paris: CNRS Editions 2011, Reihe Biblis.


gna