Codex

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‚Codex‘ ist die Bezeichnung für ein mittelalterliches Buch, dessen Blätter bis in das späte 14. Jahrhundert aus Pergament und in der Folge aus Papier bestehen. In der Regel weist ein Codex einen kompakten Bucheinband auf, häufig auch mit Schließen versehen.

Explikation

Das Wort ‚Codex‘ leitet sich von lat. caudex ab, was so viel wie ‚Holzklotz‘ bedeutet(1). Diese Herkunft verweist auf ein bereits antikes Verfahren, mit Wachs überzogene und beschriftete Holztäfelchen mit Fäden zusammenzubinden. In der Antike dienen solche Holztafeln allerdings eher zum Fixieren von nur temporär interessierenden Notizen denn mit heißen Steinen kann die in das Wachs geritzte Schrift leicht gelöscht werden(2). Für bewahrenswert befundene Texte werden zunächst auf Papyrus-, später ausschließlich auf Pergamentschriftbändern notiert, die zusammengerollt werden. Lagerung und Handhabung solcher Rollen bringen indes nicht wenige Probleme mit sich. Die im Mittelalter deutlich zunehmende Menge an zunächst lateinischen, ab dem 8. Jahrhundert auch volkssprachlichen Schriftdokumenten bringen den Aufschwung des Codex(3). Codices können – besser als Rollen – leicht, übersichtlich und kompakt in Bücherregalen aufbewahrt werden. Zudem ist die Orientierung in den fixierten Texten in einem Buch leichter möglich als in einer Schriftrolle(4).

Ein Codex besteht aus einer unterschiedlich großen Anzahl von Pergamentblättern (ab dem Spätmittelalter mehr und mehr durch Papier ersetzt). Diese Blätter werden in der Mitte gefalzt, sodass vier beschreibbare Seiten zur Verfügung stehen. Legt man mehrere solcher gefalzter Blätter ineinander, entsteht eine Buch-Lage. Die Anzahl der Doppelblätter einer Lage kann variieren; häufig zu finden sind drei-, vier- oder auch fünfblättrige Lagen (= ternio, quaternio, quinternio). In die Falze werden mehrere Löcher gebohrt, durch die Fädengezogen werden, mit denen weitere Lagen zur späteren Bucheinheit zusammengebunden werden.

Die Zählung von Seiten setzt weitgehend erst mit Erfindung des Buchdrucks ein. Im Mittelalter herrschen zwei Ordnungsverfahren vor: Zum einen die Kustoden-Ordnung, zum anderen die Foliierung. Unter Kustoden (wörtl. ‚Wächter‘) versteht man die numerische Zählung von Lagen; die Foliierung bezeichnet die numerische Zählung von Blättern und unterscheidet sich von der Paginierung (Zählung von Seiten im modernen Sinne). Um heute Texte in einem Codex eindeutig zu verorten, setzt man zur Blattzahl noch die Buchstaben r (recto = Vorderseite) bzw. v (verso = Rückseite) hinzu.

Die Größe und der Umfang eines mittelalterlichen Codex können stark differieren. Wir kennen extrem kleine Codices (z. B. 30 x 20 mm) und aber auch solche mit Ausmaßen von 1.000 x 500 mm und mehr; gleichermaßen kann der Umfang variieren zwischen einigen wenigen bis weit über 100 Doppelblättern.

In sogenannten Skriptorien werden Codices bzw. ihre noch ungebundenen Doppelblätter und Lagen beschriftet(5).

Forschungsbericht

Ein erstes (vor-)wissenschaftliches Interesse an mittelalterlichen Codices setzt in der Renaissance ein(6). Mit Blick auf die deutschsprachige Textkultur des Mittelalters liegt der Beginn allerdings wesentlich später: Erst im 18. Jahrhundert beginnt die mehr oder weniger systematische Suche nach mittelalterlichen (zumal volkssprachlichen) Codices (so z. B. durch Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger(7)). Der Beginn einer institutionalisierten Germanistik ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts vielfach von Handschriftenreisen geprägt, so durch die Brüder Grimm, Karl Lachmann sowie ihre Kollegen und Schüler. Man begibt sich zu den Orten der Aufbewahrung von Codices, sichtet diese, schreibt sie ab und benutzt die Abschriften als Basis für erste wissenschaftliche Textausgaben. Etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts formiert sich eine spezifisch kodikologisch-paläographisch ausgerichtete Subdisziplin in den Philologien, die sich mit der Materialität von Codices, mit der benutzten Tinte und den verwendeten Farben, mit den Schriftarten und ggfl. auch mit der Rekonstruktion von Lagen befasst – dies vielfach interdisziplinär unter Mitarbeit von Buchrestauratoren(8).

siehe auch

Literatur

  • Blanck, Horst, Das Buch in der Antike, München 1992.
  • Buddemeier Heinz, Von der Keilschrift zum Cyberspace. Der Mensch und seine Medien, Stuttgart 2001.
  • Helwig, Hellmuth, Mittelalterliche Bucheinbände und ihre Restaurierung aus der Sicht des Einbandforschers, in: Wolfenbütteler Forschungen Band 1. Bremen/Wolfenbüttel 1977, S. 281-315.
  • Hiller, Helmut und Stephan Füssel, Wörterbuch des Buches. 6. grundlegend überarbeitete Auflage, Frankfurt am Main 2002.
  • Jakobi-Mirwald, Christine, Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung, Stuttgart 2004.
  • Janzin, Marion und Joachim Güntner, Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, Hannover 2006.
  • Koppitz, H.-J.: [Artikel] Buch A. I-III, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von Robert-Henri Bautier und Robert Auty, Bd. II, München 2002, Sp. 802-807.
  • Lütteken, Annett und Barbara Mahlmann-Bauer, Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger im Netzwerk der europäischen Aufklärung, hg. von Anett Lütteken und Barbara Mahlmann-Bauer, Göttingen 2009.
  • Roberts, Colin H. und Theodore C. Skeat, The Birth of the Codex, London 1983.
  • Stammberger, Ralf M. W., Scriptor und Scriptorium. Das Buch im Spiegel mittelalterlicher Handschriften, Graz 2003.

Webressourcen

Handschriftencensus. Eine Bestandsaufnahme der handschriftlichen Überlieferung deutschsprachiger Texte des Mittelalters, http://www.handschriftencensus.de/

Referenzen

(1) Vgl. Hiller/Füssel.
(2) Vgl. Blanck.
(3) Vgl. Roberts/Skeat und Jakobi-Mirwald.
(4) Vgl. Buddemeier.
(5) Vgl. Stammberger.
(6) Vgl. Koppitz und Janzin/Güntner.
(7) Vgl. Lütteken/Mahlmann-Bauer.
(8) Vgl. Helwig.

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