Konjektur

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Korrektur mutmaßlich verderbter oder sekundärer Textstellen sowie Tilgung bzw. Ergänzung von Textgut nach Maßgabe des Editors. Die Konjektur ist ein Mittel der Textrekonstruktion.

Explikation

Das Wort Konjektur geht auf lat. coniectura zurück, was so viel wie ‚Vermutung‘ bedeutet. Im Gegensatz zu ‚Emendationen‘ (Verbesserungen offensichtlicher Schreibfehler) handelt es sich bei Konjekturen in der Regel um Eingriffe, die Stil, Lexik und Semantik eines Textes betreffen. Konjekturen setzen eine bestimmte editorische Ideologie voraus: Der Editor misstraut grundsätzlich den ihm vorliegenden Handschriften und ist bemüht, das hinter diesen handschriftlichen Zeugnissen zu vermutende Original oder zumindest eine diesem Original nahekommende Textstufe zu rekonstruieren. Bei dieser Rekonstruktion spielt eine wesentliche Rolle, welches Grundkonzept der Editor von Autor und Original hat. Der Editor ist häufig der Meinung, Gedankengänge des Autors und sprachlich-stilistische Eigenheiten zu ‚kennen‘ und diese von den [[Überlieferung|überlieferten Textzuständen|| differenzieren zu können. Vor diesem Hintergrund können einmal mehr, einmal weniger extensiv Wörter ausgetauscht, die Syntax verändert, Verse und Strophen umgestellt oder gar getilgt (athetiert) werden.

Forschungsbericht

Grundsätzlich sind Konjekturen schon in Antike und Mittelalter dort vorgenommen worden, wo man sich intensiv mit kulturellen Schriftquellen auseinander gesetzt hat.(1) Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird die sog. Konjekturalkritik maßgeblich von Karl Lachmann zur wissenschaftlichen Methode entwickelt. Sein erklärtes Ziel ist, aus den ihm noch zugänglichen handschriftlichen Quellen einen möglichst originalnahen Text, den sog. Archetyp, zu rekonstruieren.(2) Bei der Rekonstruktion spielt das Iudicium (lat. für ‚Urteil‘, ‚Meinung‘, ‚Einsicht‘) des Editors eine zentrale Rolle. Dieses Iudicium erarbeitet sich der Editor insbesondere durch die Examinatio (lat. für ‚Prüfung‘, ‚Begutachtung‘, ‚Bewertung‘) der handschriftlichen Varianten, die – je nach Einschätzung des Editors – den Charakter von [Textverdebnis|Verderbnissen]] haben können, die es zu heilen (konjizieren) gilt. Während Lachmann mit Konjekturen noch durchaus vorsichtig und zurückhaltend operiert, sind einige seiner Schüler und Verehrer (‚Lachmannianer‘, darunter Carl von Kraus) deutlich über das Ziel hinaus geschossen und haben Texte ediert, denen im Extremfall eine historische Grundlage fast ganz fehlt.
Seit den 1970er Jahren ist die Konjekturalkritik deutlich zurückgegangen, da zunehmend bewusst wurde, dass die Gründe für Konjekturen in einem hohen Maß subjektiv sind.(3) In modernen kritischen Textausgaben begegnen eher Emendationen, d. h. Korrekturen von offensichtlichen Schreibfehlern. Daneben finden sich häufig auch bloße diplomatische Transkriptionen, die auf jegliche Veränderungen des historisch-handschriftlich bezeugten Textes verzichten und diesen lediglich in leichter (auch maschinen-) lesbarer Typographie wiedergeben.

Literatur

  • Deutsche Texte des Mittelalters zwischen Handschriftennähe und Rekonstruktion. Berliner Fachtagung 1.-3.4.2004, hg. v. Martin J. Schubert, Tübingen 2005.
  • Bein, Thomas, Die mediävistische Edition und ihre Methoden, in: Text und Edition. Positionen und Perspektiven, hg. v. Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta, H.T.M van Vliet und Hermann Zwerschina, Berlin 2000, S. 81-98.
  • Lachmann, Karl: [Rezension der Nibelungenausgabe von Friedrich Heinrich von der Hagen von 1816]. In: Jenaische allgemeine Literatur-Zeitung 132-135, 1817, zitiert nach dem Wiederabdruck in Karl Lachmann: Kleinere Schriften zur Deutschen Philologie. Hg. von Karl Müllenhoff. Berlin 1876, S. 81-114.
  • Polheim, Karl Konrad, Der Textfehler. Begriff und Problem, in: editio 5, 1991, S. 38-54.
  • Stackmann, Karl, Mittelalterliche Texte als Aufgabe, n: Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag, hg. v. William Foerste und Karl Heinz Borck, Köln/Graz 1964, S. 240-267.

Webressourcen

https://de.wikipedia.org/wiki/Konjektur https://de.wiktionary.org/wiki/Konjektur

Referenzen

(1) Ein prägnantes Beispiel: Konrad von Megenberg, Autor der ersten deutschsprachigen Naturgeschichte (Mitte 14. Jahrhundert), setzt sich im Artikel über den Schwan kritisch mit seiner lateinischen Vorlage auseinander, räsoniert über eine anzunehmende Fehlergenese dort (Einfach- statt Doppelkonsonanz) und schlägt für den lateinischen Text eine Konjektur vor: pena (= poena: ‚Schmerz‘) statt penna (‚Feder‘) – nur so ergebe die Stelle einen Sinn. Vgl. Konrad von Megenberg: Das Buch der Natur. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache. Hg. von Franz Pfeiffer. 3. Nachdruck der Ausgabe. Stuttgart 1861. Hildesheim u.a. 1994, S. 174.
(2) Vgl. Lachmanns prägnantes Diktum: „Wir sollen und wollen aus einer hinreichenden Menge von guten Handschriften einen allen diesen zum Grunde liegenden Text darstellen, der entweder der ursprüngliche selbst seyn oder ihm doch sehr nahe kommen muss“ (Karl Lachmann: Rezension der Nibelungenausgabe von Friedrich Heinrich von der Hagen, S. 82).
(3) Vgl. grundsätzlich Stackmann. – Die (fach-) historische Entwicklung im mediävistischen Bereich zeichnet Bein nach. Zahlreiche weiterführende Beiträge in dem Sammelband‚ Deutsche Texte des Mittelalters zwischen Handschriftennähe und Rekonstruktion‘.


bnt