Materialität

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Materialität bezeichnet summarisch die – sinnlich (optisch, haptisch, olfaktorisch) oder instrumentell-messtechnisch zu erfassenden – konkreten physikalischen Eigenschaften der Überlieferungsträger.

Explikation

Der Ausdruck Materialität bezeichnet im gegenwärtigen editionsphilologischen Diskurs primär (A) die konkreten physikalischen Eigenschaften individueller Dokumente. In der Regel werden auch paraverbal-visuelle (z. B. typografische) Gegenstandsaspekte des mit dem Dokument überlieferten Zeichensystems mit in die Extension des Ausdrucks aufgenommen.(1) Terminologische Abgrenzungsprobleme ergeben sich hier vor allem zum Ausdruck Medialität, der allerdings der Tendenz nach weniger physikalische Gegenstandseigenschaften als konventionelle Formate materieller Artefakte und deren Funktionen im Rahmen von Kommunikationsprozessen erfasst.
Materialität wird überdies (B) in einem weiteren (mitunter uneigentlichen) Sinne verwendet, um gegenstands- wie erkenntnistheoretische Grundannahmen (genauer: vermeintlich idealistisch-hermeneutische und/oder positivistische Ideologeme) traditioneller Editorik in Frage zu stellen.(2) Bevorzugte theoretische Bezugspunkte dieses kritischen Meta-Diskurses sind neben der anglo-amerikanischen Sociology of Text(3) verschiedene Spielarten poststrukturalistischer Literatur- und Medienphilosophie.(4) Weitere Anknüpfungspunkte finden sich neuerdings auch in angrenzenden geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsfeldern (vor allem in Soziologie, Archäologie, Kulturanthropologie, Technikgeschichte), in denen sich Materialität als forschungsstrategisches Schlagwort zunehmender Beliebtheit erfreut.(5)
Sofern aus der Perspektive dieses neuen Materialitätsparadigmas der Ausdrucksgebrauch (A) aufgegriffen wird, werden materielle Objekteigenschaften u. a. (a) als bislang ausgeblendete (potentiell) semiotisch signifikante (‚Bedeutung tragende‘) Aspekte der Dokumente exponiert.(6) In den Blick genommen werden überdies (b) bislang vernachlässigte Funktionsträger und Produktionsinstanzen des Literatursystems (Setzer, Drucker, Korrektoren, Verleger) sowie (c) weitere (historisch kontingente) soziokulturelle, praktisch-diskursive Bedingungen des produktions- wie rezeptionsseitigen Umgangs mit schrifttragenden Artefakten, wobei hier auch die Materialität von Editionen Gegenstand historischer Analysen werden kann.(7) Terminologisch-konzeptioneller Kristallisationspunkt entsprechender Forschungsinteressen ist die Debatte um einen erweiterten editorischen Textbegriff, dessen Extension – so die Forderung – materielle Eigenschaften ausdrücklich mit erfassen sollte.(8)

Forschungsbericht

Wie die terminologische wird auch die editionspraktische Frage, ob und wozu Materialität editorisch erfasst und ausgewertet werden sollte, nur mit Blick auf bestimmte Forschungsinteressen sowie editionsprogrammatische Festlegungen zu beantworten sein. Entsprechend lässt sich die Forderung, nicht nur das verbalsprachliche Zeichensystem, sondern auch die Materialität überlieferter Dokumente zu berücksichtigen, mit dem Hinweis auf entsprechende editorische Interessen begründen (z. B. alle potentiell ‚bedeutungstragenden‘ oder auch vom Autor intendierten Eigenschaften zu erschließen).(9)

Die Erfassung materieller (non- und paraverbaler) Eigenschaften der Dokumente erfüllt davon abgesehen im Rahmen editorischer Praxis seit jeher eine Reihe subsidiärer Funktionen – Zuschreibung, Echtheitsprüfung, Identifikation, Kategorisierung oder (absolute wie relative) Datierung von Überlieferungsträgern (sowie von deren Bestandteilen), textgenetische Rekonstruktion. Die Analyse der Materialität liefert hier vor allem Indizien für kausale Rückschlüsse, dient also der Beantwortung von Erklärungsfragen. Ob und inwieweit die neuerdings im Namen der Materialität formulierte Grundsatzkritik an einer als ‚traditionell‘ apostrophierten Editorik editionspraktische Konsequenzen haben wird, ist noch nicht abzusehen.

Was bereits etablierte Modi der Dokumentation und Repräsentation anbelangt, so ist zunächst festzustellen, dass hier – vom Original ausgehend – stets eine mehr oder weniger standardisierte Informationsreduktion nach Maßgabe der jeweiligen Editionskonzeption stattfindet. Eine solche interessengeleitete Datenverarbeitung wird zuweilen als Übertragungs- oder Übersetzungsvorgang aufgefasst. Systematisch lassen sich folgende Verfahrensweisen unterscheiden: (a) die qualitativ mehr oder weniger hochwertige fotomechanische Reproduktion optisch-visueller (zweidimensionaler) Daten im Faksimile; (b) die selektive Nachbildung optisch-visueller Eigenschaften mittels Typografie und Buchgestaltung; (c) die diskursive, selektiv verfahrende Beschreibung, in der überdies Ergebnisse materialwissenschaftlicher Analysen Berücksichtigung finden können. Bei der Auswertung und Beschreibung materieller Gegenstandseigenschaften kann die Editorik auf das elaborierte terminologische Instrumentarium der Analytischen Druck- und Handschriftenkunde (bzw. der Analytical bibliography und der Critique génétique) zurückgreifen.(10)

Siehe auch

Literatur

  • Ajouri, Philip, Wie erforscht man eine Werkausgabe? Heuristische Skizzen mit Beispielen aus der Geschichte der Werkausgaben, in: ders., Ursula Kundert und Carsten Rohde, Hgg., Rahmungen. Präsentationsformen und Kanoneffekte, Berlin 2017, S. 201–221.
  • Benne, Christian, Aporien der Materialität, in: ders., Die Erfindung des Manuskripts. Zu Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit, Frankfurt am Main 2015, S. 81–108.
  • Eggert, Paul und Peter L. Shillingsburg, Anglo-American Scholarly Editing, 1980–2005, in: Ecdotica 6 (2009), S. 9–19.
  • Grésillon, Almuth, Literarische Handschriften. Einführung in die „critique génétique“, Bern 1999.
  • Hay, Louis, Materialität und Immaterialität der Handschrift, in: editio 22 (2008), S. 1–21.
  • Heibach, Christiane und Carsten Rohde, Material Turn? in: dies., Hgg., Ästhetik der Materialität, Paderborn 2015, S. 3–30.
  • Kalthoff, Herbert, Torsten Cress und Tobias Röhl, Hgg., Materialität. Herausforderungen für die Sozial- und Kulturwissenschaften, Paderborn 2016.
  • Reckwitz, Andreas, Die Materialisierung der Kultur, in: Friederike Elias, Hg., Praxeologie. Beiträge zur interdisziplinären Reichweite praxistheoretischer Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften, Berlin/Boston 2014, S. 13–25.
  • Rockenberger, Annika, Produktion und Drucküberlieferung der editio princeps von Sebastian Brants Narrenschiff (Basel 1494). Eine medienhistorisch-druckanalytische Untersuchung, Frankfurt am Main 2011.
  • Rockenberger, Annika, Materiality and Meaning in Literary Studies, in: Schriften zur Medien- und Kultursemiotik 2 (2016), S. 39–60. – URL: http://www.kultursemiotik.com/wp-content/uploads/2016/09/SKMS_Gesamtausgabe_No2-2016-1.pdf
  • Röcken, Per und Annika Rockenberger, Vom Offensichtlichen. Über Typographie und Edition am Beispiel barocker Drucküberlieferung (Grimmelshausens Simplicissimus), in: editio 23 (2009), S. 21–45.
  • Röcken, Per und Annika Rockenberger, Inkunabel-Materialität. Zur Deutung der Typographie von Sebastian Brants Narrenschiff (Basel 1494), in: Euphorion 105.3/4 (2011), S. 283–316.
  • Röcken, Per und Annika Rockenberger, Wie ‚bedeutet‘ ein material text? in: Wolfgang Lukas, Rüdiger Nutt-Kofoth und Madleen Podewski, Hgg., Text – Material – Medium. Zur Relevanz editorischer Dokumentationen für die literaturwissenschaftliche Interpretation, Berlin 2014 (Beihefte zu editio. 37), S. 25–52.
  • Röcken, Per, Was ist – aus editorischer Sicht – Materialität? Versuch einer Explikation des Ausdrucks und einer sachlichen Klärung, in: editio 22 (2008), S. 22–46.
  • Röcken, Per, Schreibgründe. Die Materialität des Papiers zwischen skripturaler und editorischer Praxis, in: Variations 17 (2009), S. 143–155.

  • Patrick Sahle, Digitale Editionsformen. Bd. 3: Textbegriffe und Recodierung. Norderstedt 2013 (Schriften des IDE. 9).
  • Schubert, Martin, Hg., Materialität in der Editionswissenschaft, Berlin 2010 (Beihefte zu editio. 32)

Referenzen

(1) Geordnete Aufstellungen editorisch relevanter materieller Objektmerkmale finden sich bei Röcken 2008, S. 43–45 und Rockenberger 2011, S. 71–74.
(2) Vgl. Röcken 2008, S. 23f.; Rockenberger/Röcken 2011, S. 283–287.
(3) Vgl. einführend Eggert/Shillingsburg 2009.
(4) Vgl. Röcken 2008, S. 29–34; Benne 2015; Ortlieb/Rohde 2015; Rockenberger 2016, S. 42 (mit Anm. 8).
(5) Vgl. z. B. Kalthoff/Cress/Röhl 2016 oder Reckwitz 2015.
(6) Vgl. dazu kritisch Rockenberger/Röcken 2014; Rockenberger 2016.
(7) Vgl. z. B. Ajouri 2017, bes. S. 212–214.
(8) Vgl. zur Diskussion Sahle 2013, S. 1–98, bes. S. 26–37.
(9) Vgl. weiterführend auch Rockenberger/Röcken 2009, S. 39–45.
(10) Vgl. Rockenberger/Röcken 2009; Grésillon 1999, S. 50–103.

rnp