Variantenapparat

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Bezeichnung für die Darstellung der Abweichungen (Varianten, Lesarten) aller überlieferten bzw. aller textkritisch relevanten Textträger eines Textes bzw. Werkes vom edierten Text.

Explikation

Das Variantenapparat bildet einen wesentlichen Bestandteil der Edition neben dem edierten Text, der Überlieferungsbeschreibung, der Entstehungsgeschichte und einem etwaigen Kommentar bzw. Einzelstellenerläuterungen. Es dient bei älterer Literatur hauptsächlich zur Absicherung der Textkonstitution und bei neuerer Literatur hauptsächlich zur Darstellung der Textgenese.

Die jeweils auf ein bestimmtes formales Muster gründenden Darstellungsformen können sehr unterschiedlich sein. Je nach verwendetem Verzeichnistyp kann es sich um einen Fußnotenapparat, eine im hinteren Teil des Bandes oder eine in einem separaten Band zum edierten Text platzierte Darstellung handeln. Die bekanntesten Verzeichnistypen sind der lemmatisierte oder nichtlemmatisierte Einzelstellenapparat, der Stufenapparat, der Einblendungsapparat und der Synoptische Apparat. Mischformen kommen je nach Überlieferungslage und Arbeitsweise des Autors vor.

Im Zuge der zunehmenden Gewichtung der Textgenese in der neugermanistischen Editionsgeschichte hat sich die Variantenverzeichnung weitgehend verselbständigt bzw. wurde vielfach unabhängig vom edierten Text – nicht nur aufgrund der technischen Möglichkeiten etwa des Synoptischen Apparats. Damit löste sich die textgenetische Darstellung vom traditionellen Verständnis eines Varianten zum edierten Text anzeigenden Apparats und erhielt einen Eigenwert für die Repräsentation der Prozessualität von Text (Textdynamik). Die textgenetische Darstellung konnte damit in der Edition auch räumlich vor dem edierten Text platziert sein oder gar die Funktion des in seiner traditionellen Form fehlenden edierten Textes mitübernehmen(1). Die herkömmliche Vorstellung von einem Variantenapparat ist damit ganz erheblich erweitert bzw. im Prinzip zugunsten des textgenetischen Eigenwerts der Überlieferung aufgehoben.

synonym

Variantenverzeichnis

siehe auch

Literatur

  • Heym, Georg, Gedichte 1910–1912. Historisch-kritische Ausgabe aller Texte in genetischer Darstellung, hg. von Günter Dammann, Gunter Martens, Karl Ludwig Schneider, 2 Bde., Tübingen 1993.
  • Nutt-Kofoth, Rüdiger, Textgenese. Überlegungen zu Funktion und Perspektive eines editorischen Aufgabengebiets, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik 37, 2005, H. 1, S. 97–122.
  • Trakl, Georg, Sämtliche Werke und Briefwechsel. Innsbrucker Ausgabe. Historisch-kritische Ausgabe mit Faksimiles der handschriftlichen Texte Trakls, hg. von Eberhard Sauermann und Hermann Zwerschina, 6 Bde. in 8 und 2 Suppl.-Bde, Basel, Frankfurt am Main 1995–2014.
  • Zeller, Hans, Die Typen des germanistischen Varianten-Apparats und ein Vorschlag zu einem Apparat für Prosa, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 105, 1986, Sonderheft: Editionsprobleme der Literaturwissenschaft, besorgt von Norbert Oellers und Hartmut Steinecke, S. 42–69.
  • Zeller, Hans, Die Entwicklung der textgenetischen Edition im 20. Jahrhundert, in: Geschichte der Editionsverfahren vom Altertum bis zur Gegenwart im Überblick. Ringvorlesung, hg. von Hans-Gert Roloff, Berlin 2003 (Berliner Beiträge zur Editionswissenschaft. 5), S. 143–207.
  • Zwerschina, Hermann, Variantenverzeichnis, Arbeitsweise des Autors und Darstellung der Textgenese, in: Text und Edition. Positionen und Perspektiven, hg. von Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta, H. T. M. van Vliet und Hermann Zwerschina, Berlin 2000, S. 203–229.

Referenzen

(1) Heym-Ausgabe 1993, Innsbrucker Trakl-Ausgabe 1995–2014.

nhr