Editionswissenschaft

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Die Editionswissenschaft erarbeitet die theoretischen, methodischen und praktischen Grundlagen für die wissenschaftliche Herausgabe von Texten.

Explikation

Die wissenschaftliche Edition von Texten mit dem Ziel, Texte in historisch-authentischer Form zur Verfügung zu stellen, ist Gegenstand der Grundlagenforschung. Editionen haben darüber hinaus in der wissenschaftlichen und kulturellen Öffentlichkeit eine wichtige Funktion. Sie tragen dazu bei, einen unter Umständen vergessenen Text oder ein Werk im kulturellen Gedächtnis zu positionieren oder zu repositionieren. Die wissenschaftliche Edition verfolgt die Aufgabe, die Geschichtlichkeit von Texten zu bewahren und damit auch Geschichte interpretationsfähig zu halten. Die im Zusammenhang mit der Edition von Texten erforderlichen theoretischen und methodischen Reflexionen sowie die praktische Editionstätigkeit werden in der Editionswissenschaft (auch Editionsphilologie, Editorik) zusammengeführt. Die Vereinheitlichung fachsprachlicher Termini und die Standardisierung editorischer Operationen (Wahl der Textgrundlage, Textkonstitution, Apparatgestaltung, Textkommentierung) gehören weiterhin zu den Kernaufgaben der Editionswissenschaft.

Geschichte

Die Editionswissenschaft ist eine junge Disziplin, obwohl bereits seit der Antike Texte ediert und die entsprechenden Verfahren reflektiert werden. Allerdings ist die Wissenschaftsgeschichte der Edition bislang noch nicht geschrieben worden; Ansätze finden sich in der Reihe Bausteine zur Geschichte der Edition (hg. von Rüdiger Nutt-Kofoth und Bodo Plachta, 2005 ff.). Obwohl sich der Begriff der wissenschaftlichen Edition im Zuge der Verwissenschaftlichung der Philologie seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat, entwickelte sich die Editionswissenschaft als eigenständige Disziplin erst in den 1980er-Jahren aus der germanistischen Literaturwissenschaft. Die Editionswissenschaft ist interdisziplinär und international ausgerichtet und verfügt über eine gewachsene und anerkannte wissenschaftliche Infrastruktur, zu der Zeitschriften (editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, Text. Kritische Beiträge, Editionen in der Kritik, Genesis, Variants), Publikationsreihen (Beihefte zu editio, Arbeiten zur Editionswissenschaft, Berliner Beiträge zur Editionswissenschaft, Bausteine zur Geschichte der Edition), regelmäßige Tagungen, Organisationsformen (Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition, Arbeitsgemeinschaft philosophischer Editionen, Fachgruppe Freie Forschungsinstitute in der Gesellschaft für Musikforschung) und spezifische universitäre Studienangebote gehören.

Edition als Wissenschaft

Die Edition als wissenschaftliche Disziplin verdankt ihre Entstehung einem methodischen Paradigmenwechsel, der aus der strikten Trennung von Editionsverfahren für mittelalterliche Texte und für Texte, die nach der Erfindung des Buchdrucks überliefert sind, resultiert. Der Editor antiker oder mittelalterlicher Texte kann nicht auf einen vom Autor herrührenden „Originaltext“ zurückgreifen, sondern er unternimmt es, nach genau definierten Vorgaben die als Archetypus bezeichnete älteste rekonstruierbare Stufe als weitestmögliche Annäherung an das verlorene Original aus den oftmals über Jahrhunderte hinweg überlieferten autorfernen, häufig fehlerhaften oder willkürlich veränderten Abschriften zu rekonstruieren und nach textkritischen Gesichtspunkten (recensio, emendatio) herzustellen. Den entscheidenden Schritt, dies seit dem Humanismus mit dem erfolgreich erprobten methodischen Instrumentarium der Klassischen Philologie oder der Bibelphilologie zu fixieren, machte Karl Lachmann (1793–1851). Allerdings blieb die editorische Gewinnung eines Archetypus fragwürdig, da sie nur bei einer idealtypischen, d. h. stemmatisch vertikalen Überlieferung ohne Kontamination gelingen konnte, die für mittelalterliche Texte meistens nicht vorlag. Daher wandte man sich in der Mediävistik mehr und mehr vom Prinzip der Rekonstruktion eines verlorenen Originaltexts ab. Dagegen favorisierte man einen Text, der nach begründeten und überprüfbaren Prinzipien gewonnen wurde, indem man sich auf eine als in ihrer Textgestalt zuverlässige und für die Überlieferung repräsentative Leithandschrift als Textgrundlage stützte und die Varianz der übrigen Überlieferung im Apparat verzeichnete. Daneben wurden textgeschichtlich-überlieferungskritische Verfahren entwickelt, die den verschiedenen Redaktionen eines mittelalterlichen Textes stärker Rechnung tragen. Die Textvarianz wird nicht mehr nur im Apparat mitgeteilt, sondern es gibt Darstellungen, die variierende Textredaktionen etwa synoptisch wiedergeben und dadurch den Prozess der Überlieferung, aber auch den der Textrezeption anschaulich machen. Das intensiv diskutierte Konzept der „New philology“ hat auch Konsequenzen für die Edition mittelalterlicher Texte. Erwogen werden Editionsverfahren, in denen das Nebeneinander von einzelnen Textzeugen als Ausdruck einer prinzipiellen Offenheit der Überlieferungssituation mittelalterlicher Text umgesetzt werden soll.

Dagegen sind die Texte der neueren Literatur häufig in der von ihren Urhebern gewollten Form direkt überliefert, zusätzlich liegen originale Handschriften vor, die die Entstehung des Textes etwa von einer ersten Notiz über Entwürfe bis zu Druckvorlagen – nicht selten in voneinander abweichenden Fassungen – dokumentieren. Die aus dieser unterschiedlichen Textüberlieferung resultierende methodische Differenzierung in Überlieferungs- und Entstehungsvarianten machte allmählich deutlich, dass die seit dem 18. Jahrhundert übliche Textüberlieferung nicht mehr mit den traditionellen philologischen Verfahren aufzufangen bzw. in einem auf ihnen beruhenden Apparat abzubilden war. Diese Einsicht trennte nicht nur die Editionswissenschaft in zwei unterschiedliche Arbeitsgebiete (mediävistische und neuphilologische Edition), sie schuf überhaupt erst die Grundlage für die Entwicklung eines wissenschaftlichen Apparats zur Dokumentation der Textgenese. Beide Arbeitsgebiete sind aber wiederum miteinander verbunden, da die Wahl der anzuwendenden Editionsprinzipien stets abhängig ist vom Editionsziel sowie den spezifischen Entstehungs- und Überlieferungsbedingungen des zu edierenden Textes.

Die unterschiedliche Überlieferung mittelalterlicher und neuzeitlicher Texte und die jeweils davon abhängigen Editionsziele haben insbesondere die Entwicklung einer Methodologie für die Edition neuerer Texte forciert. Lachmann und die in seiner unmittelbaren Nachfolge arbeitenden Editoren glaubten noch, dass die altphilologischen Prinzipien universell, also auch für autoreigenes Material und autorisierte Drucke anwendbar seien. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine Vielzahl von Editionen, die dem Verfahren Lachmanns verpflichtet waren. Diese Editionen sind insbesondere durch das mechanische Anhäufen von Varianten charakterisiert, wodurch sie vielfach unbenutzbar bzw. ohne besondere Aussagekraft für weitergehende literaturwissenschaftliche Fragestellungen blieben. Zwischen 1867 und 1876 erschien Karl Goedekes Ausgabe von Schillers sämmtlichen Schriften, ab 1877 Bernhard Suphans Edition von Herders Sämmtlichen Werken und von 1887–1919 die Weimarer Goethe-Ausgabe. Diese Ausgaben begründeten den Typus der historisch-kritischen Gesamtausgabe, der auch noch Editionsprojekte des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die Gesamtausgaben zu Wieland (1909 ff.), Eichendorff (1908 ff.) oder Grillparzer (1909–1944), beherrschte. Besonders mit der Weimarer Goethe-Ausgabe wurde ein editorisches Paradigma geschaffen, dessen Ziel es war, eine Werkgestalt zu rekonstruieren, die der Autor selbst als letztendliche begriffen und die er in einer Vollständigen Ausgabe letzter Hand (1827–1830) der Öffentlichkeit übergeben hatte. Dieses Prinzip der ‚späten Handʻ etablierte einen über Jahrzehnte hinweg gültigen Prototyp der Textkonstitution, der erst in den 1950er-Jahren im Zusammenhang mit den Arbeiten an der Akademie-Ausgabe der Werke Goethes (1952–1966) in Frage gestellt wurde. Ergebnis dieser Diskussionen, zu denen eine genaue Analyse der Veröffentlichungsgeschichte von Goethes Werken gehörte, die oftmals in variierenden Druckfassungen vorliegen, war die Auffassung, dass alle überlieferten Fassungen als „im Prinzip gleichwertig“ zu gelten hätten, aus historische Perspektive „in gleicher Weise Repräsentationen des Werks“ seien und erst in ihrer Addition das Werk darstellten.(1) Die Konsequenz war, dass der Editor jede Textfassung als begründbare Basis für den Edierten Text wählen konnte, wobei dem Apparat eine wesentliche Funktion zur Dokumentation der anderen Fassungen zukam. Diese Erkenntnis ging mit einem editorischen Paradigmenwechsel einher, indem nun die Erstdrucke bzw. die ihnen zugrunde liegenden Handschriften ein neues Gewicht bekamen. In der Praxis bedeutete dies für die Wahl der Textgrundlage die Bevorzugung der ‚frühen Handʻ (meistens des Erstdrucks) als eine Fassung, die häufig das Ergebnis einer intensiven Produktionsphase ist, das vorläufige Ende des Entstehungsprozesses markiert und durch die die unmittelbare öffentlich Wirkung des Textes einsetzt.

Neben der Frage, wie die Textgrundlage für den Edierten Text auszuwählen und wie diese textkritisch zu bearbeiten sei (Fehleremendation), wird die editionswissenschaftliche Diskussion seit den 1920er-Jahren von der Diskussion beherrscht, welche Funktion der Variantenapparat haben soll. Mit Reinhold Backmanns Forderung, der Apparat müsse „Einblick in die Werkstatt des Dichters“ gewähren(2), setzte sich nach und nach die Einsicht durch, die Verzeichnung der Varianten diene nicht nur der kritischen Absicherung des Edierten Textes, sondern müsse v. a. auch dessen Genese dokumentieren. Mit der Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe (1943–1985) setzte Friedrich Beißner diese Forderung in die Tat um. Er legte einen in dieser Hinsicht aussagekräftigen Apparat vor, in dessen Prinzipien ein Durchbruch der Apparatgestaltung und zunächst ein allen Ansprüchen genügendes Modell kritischer Textausgaben gesehen wurde. Beißner war es gelungen, das räumliche Neben- bzw. Durcheinander auf einem Manuskript in ein chronologisch geordnetes und einsichtig nachvollziehbares Nacheinander einer linearen Textabfolge zu übertragen. Trotz aller geäußerten Bedenken liegt das Wesentliche von Beißners Apparat darin, dass er die Abfolge der einzelnen Textstufen übersichtlich angeordnet hat. Auch löste er zusammengehörige Textstufen nicht in einzelne Segmente auf, sondern wollte die Textgenese weitgehend in ihrem Gesamtzusammenhang darstellen. Beißner entwickelte eine treppenartige Auffächerung der Textentwicklung und konzentrierte sich darauf, das „ideale Wachstum“ bis zur endgültigen Textform darzustellen.(3) Dieses Verfahren löste Widerspruch aus, weil Beißners Darstellung nur auf der letzten |Textstufenebene durchlesbar war und die Zwischenstufen der Genese nicht in Relation setzte. Außerdem war der handschriftliche Befund in seinem Apparat nicht genau zu erkennen, z. B. was ist gestrichen, was ist nur einmal niedergeschrieben. Zu Beißners Kritikern zählte u. a. Hans Zeller, der 1958 durch die Erläuterung seiner Prinzipien der Apparatgestaltung für die Ausgabe der Gedichte C. F. Meyers den umgekehrten Weg postuliert hatte. Zeller hatte sich gegen den Anspruch des Editors verwahrt, einen sakrosankten Text anzubieten. Der Leser/Benutzer sollte vielmehr in die Lage versetzt werden, die Handschrift ‚rekonstruieren‘ zu können, z. B. durch genaue Positionsangaben oder durch Angaben, ob und in welcher Weise getilgt wurde. Zeller strebte mit seinem Apparatmodell ein hohes Maß an Objektivität und Überprüfbarkeit aller Herausgeberentscheidungen an, indem die Relation zwischen Befund und Deutung stets im Apparat erkennbar sein müsse. Zellers Apparatmodell und seine Formel „Befund und Deutung“ gaben entscheidende Impulse für eine moderne Editionswissenschaft. Mit dem von Gunter Martens und Hans Zeller 1971 vorgelegten Sammelband Texte und Varianten wurde erstmals der Versuch unternommen, der Editionswissenschaft eine fundierte wissenschaftliche Basis zu geben, indem über texttheoretische Aspekte, Editionsprinzipien, Terminologien und methodische und praktische Perspektiven reflektiert wurde. Die in diesem Band veröffentlichten Beiträge von Siegfried Scheibe Zu einigen Grundprinzipien einer historisch-kritischen Ausgabe, Hans Zeller Befund und Deutung. Interpretation und Dokumentation als Ziel und Methode der Edition und Gunter Martens Textdynamik und Edition. Überlegungen zur Bedeutung und Darstellung variierender Textstufen gehören noch heute zum Standard editionswissenschaftlicher Theoriebildung. Insbesondere das Konzept, die Textvarianz nicht allein im Hinblick auf den Edierten Text zu verstehen, sondern die Textgenese ins Zentrum der Edition zu stellen, hat ihren Niederschlag in zwei wichtigen Editionen gefunden: in der von Martens selbst mit erarbeiteten Ausgabe der Gedichte 1910–1912 Georg Heyms (1993) und in der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe (1975–2008) von D. E. Sattler. Die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe geht vom Faksimile der Handschrift aus, auf die eine typografisch differenzierte diplomatische Umsetzung der Handschrift folgt. Diese bildet die Basis für eine „lineare Textdarstellung“, in der das gesamte Material der Textentstehung genetisch wiedergegeben wird, ehe der Editor daraus einen Text konstituiert. Auf diese Weise soll die Trennung von Text und Varianten aufgehoben werden und die Funktion von Varianten als poetische Strukturelemente stärker in den Vordergrund gerückt werden. Mit der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe wurde ein neuer Editionstyp aus der Taufe gehoben, der der sogenannte faksimilegestützten Ausgabe (Brandenburger Kleist-Ausgabe, 1988–2010; Faksimile-Ausgabe von Kafkas Werken, 1995 ff.; Innsbrucker Trakl-Ausgabe, 1995–2014; Marburger Büchner-Ausgabe, 2000–2013; Wiener Horváth Ausgabe, 2009 ff.). Die Forderung, editorische Entscheidungen offenzulegen bzw. dem Leser/Benutzer einen ‚offenenʻ Text anzubieten, war für viele Editoren mit der Konsequenz verbunden, dass die Herstellung sog. Edierter Texte fragwürdig wurde. Insgesamt wurden durch die faksimilegestützten Ausgaben „die Grenzen der objektivierbaren Kriterien innerhalb der editorischen Arbeit erweitert“.(4) Die Materialität der Textträger und die vielfältigen medialen Stationen, die ein Text auf dem Weg in die Öffentlichkeit durchläuft, gerieten damit stärker in den Fokus. Gleichzeitig wurde das Faksimile als Ausgangspunkt für die Analyse des literarischen Produktions- und Schreibprozesses angesehen, wie ihn die französische „critique génétique“ in das Zentrum ihrer Bemühungen gerückt hat.

Editionspraxis

Neben der methodologischen Reflexion standen immer wieder auch editionspraktische Überlegungen im Mittelpunkt der Diskussion. Dazu gehört auch die über Editionstypen, unter denen die historisch-kritische Ausgabe und die Studienausgabe besondere Beachtung gefunden haben. Als repräsentativster und wissenschaftlich qualifiziertester Editionstyp gilt die historisch-kritische Ausgabe. Begründet wurde dieser Editionstyp im 19. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert wurde er perfektioniert und erhielt seine spezifische Ausprägung. Die historisch-kritische Ausgabe präsentiert Texte als historische Dokumente. Dabei erläutert sie deren Entstehungsprozess in seiner Komplexität aus historischen, biografischen oder poetologischen Komponenten. Dazu gehört, nicht nur sämtliche überlieferte Materialien eines zu edierenden Werks oder Textes zu sichten, sondern die Arbeitsstadien aus diesem Material zu ermitteln und den zu rekonstruierenden Entstehungsprozess möglichst umfassend bis zu einer eventuellen Publikation zu verfolgen. Die so gewonnenen Materialien und Ergebnisse müssen anschließend für einen Leser nachvollziehbar aufbereitet werden, um sie – in welcher Form auch immer – für eine weitere Beschäftigung verfügbar zu machen. Die kritische Komponente einer historisch-kritische Ausgabe ist ergänzend zur historischen Perspektive eine explizit textkritische. Sämtliche erhaltenen handschriftlichen oder gedruckten Textträger müssen hinsichtlich ihrer Überlieferung, ihrer Autorisation und Authentizität sowie ihrer Bedeutung für die Textentwicklung eines Werkes kritisch geprüft werden. Diese kritische Sichtung und Auswahl der Textträger zielt auf die Konstitution eines Edierten Texts und die Dokumentation der Textgenese in einem Apparat als Präsentation von Entstehungsstufen, Korrekturschichten oder varianten Fassungen. Die Komponente kritisch beinhaltet auch die Untersuchung des zu edierenden Texts auf Fehler und deren Beseitigung. Ergänzt werden historisch-kritische Ausgabe durch diskursive Abschnitte zur Entstehung und Wirkungsgeschichte sowie durch Sacherläuterungen zum Textverständnis. Während die historisch-kritische Ausgabe sich an einen wissenschaftlich interessierten Benutzer wendet, ist der Adressatenkreis von Studienausgaben weiter gefasst. Vordringliches Ziel einer Studienausgabe ist, einen nach textkritischen Prinzipien verantworteten Text zu präsentieren. Dabei wird von einer Studienausgabe keine vollständige Wiedergabe aller Textfassungen erwartet; das Prinzip der Vollständigkeit bleibt der historisch-kritische Ausgabe vorbehalten. Eine Studienausgabe verfährt immer selektiv. Als deren Kernstücke gelten die den Text begleitenden Kommentare. Ihr Ziel ist anders als in einer historisch-kritische Ausgabe im weitesten Sinne texterschließend, wobei der analytisch-deutende Aspekt stärker in den Vordergrund treten kann. Der Kommentar einer Studienausgabe ist integraler Bestandteil dieses Editionstyps, er beschränkt sich nicht auf die erläuterungsbedürftigen Sachbezüge des Texts oder die Erhellung seines unmittelbaren historischen Umfeldes, sondern kann Hinweise auf das aktuelle Textverständnis oder konkurrierende Interpretationsansätze geben. Kontrovers wird die Frage diskutiert, ob die Orthografie und Interpunktion historische Texte in Studienausgaben modernisiert werden sollen.

Perspektiven

Die Editionswissenschaft steht vor neuen Herausforderungen, zumal sich die Rahmenbedingungen, insbesondere die finanziellen, für die Erarbeitung großer Editionsprojekte verändert haben. Das ‚goldene Zeitalterʻ der Gesamtausgaben ist vorbei, und man muss heute realistischerweise davon ausgehen, dass historisch-kritische Gesamtausgaben nur noch im Einzelfall realisiert werden können. Was wir heute brauchen, sind benutzerorientierte historisch-kritische Editionen einzelner Werke oder Textkorpora wie Briefwechsel, Tagebücher oder andere Textsorten. Die Editionswissenschaft muss sich in Zukunft noch stärker als bisher die Frage der Relevanz stellen. Selbstverständlich muss es immer Editionen geben, die einen Text sichern und ihn für die weitere wissenschaftliche Verwertung aufbereiten. Aber die Frage nach dem wissenschaftlichen Adressatenkreis, die Berücksichtigung aktueller Forschungsfragen und die Überprüfung, welche Impulse eine Edition der Forschung geben kann, sollten die editorische Arbeit begleiten.

In der deutschsprachigen Editionslandschaft sind vielfältige Impulse für eine Fortentwicklung der Editionswissenschaft gerade von solchen Editoren ausgegangen, die sich mit den neuen Medien beschäftigen. Digitale Editionen verfügen im Vergleich mit herkömmlichen Bucheditionen über wesentlich mehr Raum, um Materialien zu präsentieren, so dass ihr quantitativer Mehrwert auf der Hand liegt. Textträger können vollständig im Bild wiedergegeben werden. Textwiedergaben sind aus unterschiedlichen Perspektiven möglich. Kontexte lassen sich ebenfalls durch die vollständige Wiedergabe von Dokumenten zur Entstehung oder Rezeption ausführlich darstellen. Auch Erläuterungen unterliegen keiner Umfangsbegrenzung und lassen sich überdies mit Material aus Datenbanken, Wörterbüchern etc. erweitern oder unterfüttern. Ebenso ist die Ergänzung um Ton- oder Filmdokumente unproblematisch. Editionen wandeln sich zu multimedialen Archiven, die zudem ganz unterschiedliche Sichten auf den Text und seine Fassungen zur Verfügung stellen und diese miteinander in unterschiedliche Beziehungen setzen können. Eine Reihe ambitionierter digitaler Editionsprojekte sind derzeit in Arbeit und erlauben erste Bilanzen und Prognosen. Dabei mehren sich solche Stimmen, die für die Editionswissenschaft durch die neuen Medien eher eine „Evolution“ als eine „Revolution“ erwarten.(5)

Literatur

  • Bein, Thomas, Textkritik. Eine Einführung in Grundlagen germanistisch-mediävistischer Editionswissenschaft, Lehrbuch mit Übungsteil, Frankfurt/Main, Berlin: Peter Lang 2008 (2. Aufl. 2011).
  • Bohnenkamp, Anne, Textkritik und Textedition, in: Grundzüge der Literaturwissenschaft, hg. von Heinz Ludwig Arnold und Heinrich Detering, 7. Aufl., München: DTV 2005, S. 179–203.
  • Hurlebusch, Klaus, Edition, in: Das Fischer Lexikon. Literatur, hg. von Ulfert Ricklefs, 3 Bde., Frankfurt/Main: S. Fischer 1996, Bd. 1, S. 457–487.
  • Kamzelak, Roland S., Hypermedia - Brauchen wir eine neue Editionswissenschaft?, in: Kamzelak, Roland S., Hg., Computergestützte Text-Edition, Tübingen: Niemeyer 1999, S. 119-126.
  • Kanzog, Klaus, Einführung in die Editionsphilologie der neueren deutschen Literatur, Berlin: Erich Schmidt 1991 (Grundlagen der Germanistik. 31).
  • Kraft, Herbert, Editionsphilologie. Zweite, neubearb. und erw. Aufl. mit Beiträgen von Diana Schilling und Gert Vonhoff, Frankfurt/Main, Berlin: Peter Lang 2001.
  • Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation, hg. von Gunter Martens und Hans Zeller, München: C. H. Beck 1971.
  • Text und Edition. Positionen und Perspektiven, hg. von Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta, H.T.M. van Vliet und Hermann Zwerschina, Berlin: Erich Schmidt 2000.
  • Nutt-Kofoth, Rüdiger, Editionsphilologie, in: Handbuch Literaturwissenschaft, hg. von Thomas Anz, 2 Bde, Stuttgart, Weimar: Metzler 2007, Bd. 2, S. 1–27.
  • Plachta, Bodo, Editionswissenschaft. Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte, 3., erg. und aktualis. Aufl., Stuttgart: Reclam 2013.
  • Plachta, Bodo, Editionswissenschaft. Handbuch zu Geschichte, Methode und Praxis der neugermanistischen Edition, Stuttgart: Hiersemann 2020.
  • Scheibe, Siegfried (Leitung), Waltraut Hagen, Christel Laufer undd Uta Motschmann, Vom Umgang mit Editionen. Eine Einführung in Verfahrensweisen und Methoden der Textologie, Berlin: Akadmie 1988.

Referenzen

(1) Siegfried Scheibe: Zu einigen Grundprinzipien einer historisch-kritischen Ausgabe. In: Texte und Varianten. Probleme ihrer Edition und Interpretation. Hrsg. von Gunter Martens und Hans Zeller. München 1971, S. 1–44, hier S. 33.
(2) Reinhold Backmann: Die Gestaltung des Apparates in den kritischen Ausgaben neuerer deutscher Dichter. Mit besonderer Berücksichtigung der großen Grillparzer-Ausgabe der Stadt Wien (1924); zit. nach: Dokumente zur Geschichte der neugermanistischen Edition. Hrsg. von Rüdiger Nutt-Kofoth. Tübingen 2005, S. 123.
(3) Friedrich Beißner: Editionsmethoden der neueren deutschen Philologie (1964), zit. nach: Dokumente zur Geschichte der neugermanistischen Edition. Hrsg. von Rüdiger Nutt-Kofoth. Tübingen 2005, S. 260.
(4) Rüdiger Nutt-Kofoth: Dokumentierte und gedeutete Befunde. Zum Abschluß der historisch-kritischen Ausgabe von C.F. Meyers Gedichten mit einem Rück- und Ausblick auf die Entwicklung der Editionsphilologie. In: Euphorion 94 (2000), H. 2, S. 225–241, hier S. 238.
(5) Elena Pierazzo: Digital Scholarly Editing. Theories, Models and Methods. Farnham/Surrey, Burlington/VT 2015, S. 208.

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