Hypertext

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Die nicht-lineare Darstellung von Texten mit Hilfe des Computers als Medium.

Verfasser: Roland S. Kamzelak

Erläuterung

Hypertexte sind elektronische Texte, die mit anderen elektronischen Texten verknüpft sind oder auf einzelne in ihnen enthaltene Sequenzen verweisen. Die Strukturierung einzelner Texte über Verknüpfungen erzeugt eine nicht lineare Repräsentation der Inhalte in Form eines Netzwerkes. Hypertexte können von den Lesern über diese Verknüpfungen, durch gekennzeichnete Aktionswörter oder sensitive Felder (sog. Hyperlinks), flexibel und dezentral erschlossen werden. So stehen ihm statt eines einzigen vom Autor vordefinierten Weges verschiedene Rezeptionsmöglichkeiten zur Verfügung, indem er die Hypertext-Einheiten in neue Kontexte stellt, die er durch Verfolgung eines ihm passend erscheinenden Verknüpfungspfades erzeugt.

Drei Elemente sind konstitutiv für Hypertexte:

  1. Nicht-Linearität: Anlegen und Rezeption von Hypertexten sind nicht-sequentielle Tätigkeiten. Der Autor baut Kontexte über die netzartige Verknüpfung von elektronischen Texten auf; der Leser reiht bestimmte Inhalte über die angebotenen Verknüpfungen zu einem „neuen“ Informationskomplex zusammen (Linearisierung).
  2. Interaktivität: Für die Linearisierung muß dem Rezipienten die Möglichkeit des direkten Aktivierens der Verknüfungen im Netz gegeben sein. Auf eine Benutzeraktion erfolgt eine unmittelbare Reaktion des Hypertext-Systems (einfache interaktive Kommunikation), das eine neue Sicht auf das Netz freigibt.
  3. Die Verwendung des Computers als Medium: Durch die Anforderung der direkten Manipulation ist die Bezeichnung Hypertext auf elektronische Texte beschränkt. Da Hypertexte Computer als Lesegeräte bedingen, können nicht nur statische Medien (Text und Bild), sondern auch dynamische (Ton, Film, Animation, Live-Übertragungen usw.) Teil eines Hypertextes sein.

In der Literaturwissenschaft werden Hypertexte v.a. zur Edition von Texten verwendet. In Ansätzen sind Modelle für Textinterpretationen und Systeme für computergestützten Unterricht vorhanden. Verbreitet werden sie auf binären Speichermedien oder im Internet-Dienst World Wide Web (W3 oder WWW). Die Grundidee bei der Beschreibung von Hypertexten war es, Texte verstehbarer zu machen, indem sie in ihre Bestandteile zerlegt, diese über Hyperlinks untereinander verbunden und die Kontrolle des Lesevorgangs an den Leser übergeben werden. Der Zugang zu den Texten kann dann portionsweise und individuell gesteuert in Tiefe und Reihenfolge durch den Leser erfolgen. Das Hypertexten somit zugrundeliegende Prinzip der Dezentrierung (Nicht-Linearität) läßt sich am einfachsten auf Gebiete der Literaturwissenschaft übertragen, die bereits in Buchform dezentral rezipiert werden: Lexika und Editionen. Die konventionellen Teile eines Buches (Inhaltsverzeichnis, Text, Fußnote/Kommentar, Register, Literaturverzeichnis und Anhang) sind verschiedene, separat abgelegte und über Hyperlinks verbundene Bestandteile der Hypertext-Edition.

Der Individualisierung und Dezentrierung des Lesevorgangs bei Hypertexten wohnt eine starke zentrifugale Kraft inne, welche den Leser dazu verleitet, frei im Hypertext zu wandern, ohne auf den zentralen Punkt, den Ausgangspunkt, zurückzukommen. Das gilt im besonderen Maße für Hypertexte im W3. Strukturschaffende Maßnahmen wie Navigations- und Kopfleisten, Inhaltsgraphiken, Symbole (Icons) für bestimmte Hyperlink-Typen usw. müssen diese Zentrifugalkraft eindämmen. Oft entscheidet dieses Hypertextdesign wesentlich über die Qualität von Hypertext-Editionen mit. Vorteile gegenüber der Buchedition sind etwa die Möglichkeit der medialen Anreicherung und die Anbindung an Fremddatenbestände, die große verarbeitbare Datenmenge, die Übersichtlichkeit und Schnelligkeit beim Abrufen von Informationen, die problemlose Aktualisierbarkeit und die kostengünstige Publikationsform. Diesen gegenüber stehen Nachteile wie etwa Computerabhängigkeit (Technikabhängigkeit) und Unübersichtlichkeit bei kleinen Datenmengen.

Wortgeschichte

Aus griech. υπερ [hypér] mit der Bedeutung `über, über - hinaus, übermäßig´ und ¬ Text. Der Begriff Hypertext geht auf Theodor H. Nelson zurück, der das Konzept 1966 theoretisch entwickelte und den Begriff als Vorschlag zur Lösung des Problems der Informationsarchivierung und des Vorverständnisses bei der Informationsgewinnung (Retrieval) prägte.

Sachgeschichte

1945 beschreibt Vannevar Bush eine Maschine, MEMEX, die riesige Mengen von Information durch die Verwendung von Microfilmen und mechanischen Apparaturen speichern und abrufen kann. Bush verstand MEMEX als Abbild des assoziativ arbeitenden menschlichen Gehirns. 1966 führt Theodor H. Nelson Bushs Phantasie mit der Beschreibung von computergestützten Hypertexten weiter. Ab 1967 werden verschiedene lokale Hypertextsysteme vorgestellt. 1989 verbindet Tim Berners Lee das Hypertext-Konzept von Nelson mit der Technologie des Internet; sogenannte HTTP-Server (Hypertext Transfer Protocol) entstehen als Teilsystem des Internet. Seit 1993 wird es mit der systemunabhängigen Textauszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) betrieben. Ein weltweiter Hypertext entsteht, das World Wide Web.

Forschungsgeschichte

Die Produktion von Hypertexten, besonders von Editionen, wurde zunächst theoretisch unreflektiert begonnen. 1988 baten Paul Delany und George P. Landow erstmals um Beiträge zu einer Untersuchung “Hypermedia and Literary Studies”, die 1991 veröffentlicht wurde. Eher kulturwissenschaftlich angelegte Studien prädominieren die aktuelle Forschung über Hypertexte. Forschungen zum Leseverhalten (dezentrales Lesen) beim Durchgang durch einen Hypertext und zur Entwicklung einer neuen Gattung der Literaturwissenschaft sind nur in Ansätzen vorhanden.

Terminologisches Feld

Werden vor allem dynamische Medien in Hypertexten zugänglich gemacht (Ton, Film, Animation, Live-Übertragungen usw.), spricht man heute auch von HYPERMEDIA: Die nicht-lineare Darstellung von medial angereicherten Texten mit Hilfe des Computers als Medium. ELEKTRONISCHER TEXT: Text, der online in Computernetzen oder offline auf binären Speichermedien aller Art verfügbar ist. Sachgeschichte 1945 beschreibt Vannevar Bush eine Maschine, MEMEX, die riesige Mengen von Information durch die Verwendung von Microfilmen und mechanischen Apparaturen speichern und abrufen kann. Bush verstand MEMEX als Abbild des assoziativ arbeitenden menschlichen Gehirns. 1966 führt Theodor H. Nelson Bushs Phantasie mit der Beschreibung von computergestützten Hypertexten weiter. Ab 1967 werden verschiedene lokale Hypertextsysteme vorgestellt. 1989 verbindet Tim Berners Lee das Hypertext-Konzept von Nelson mit der Technologie des Internet; sogenannte HTTP-Server (Hypertext Transfer Protocol) entstehen als Teilsystem des Internet. Seit 1993 wird es mit der systemunabhängigen Textauszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) betrieben. Ein weltweiter Hypertext entsteht, das World Wide Web. Forschungsgeschichte Die Produktion von Hypertexten, besonders von Editionen, wurde zunächst theoretisch unreflektiert begonnen. 1988 baten Paul Delany und George P. Landow erstmals um Beiträge zu einer Untersuchung “Hypermedia and Literary Studies”, die 1991 veröffentlicht wurde. Eher kulturwissenschaftlich angelegte Studien prädominieren die aktuelle Forschung über Hypertexte. Forschungen zum Leseverhalten (dezentrales Lesen) beim Durchgang durch einen Hypertext und zur Entwicklung einer neuen Gattung der Literaturwissenschaft sind nur in Ansätzen vorhanden.

Literatur

  • From Memex to Hypertext. Vannevar Bush and the Mind´s Machine. Hg. v. James M. Nyce und Paul Kahn. Boston, San Diego 1991. -
  • Hammwöhner, Rainer, Kognitive Plausibilität: Vom Netz im (Hyper-)Text zum Netz im Kopf. Nachrichten für Dokumentation (nfd). Zeitschrift für Informationswissenschaft und -praxis - Journal for Information Theory and Work 47 (1996), S. 23-28 -
  • Hyper / Text / Theory. Hg. v. George P. Landow. Baltimore 1994. -
  • Hyperkultur. Zur Fiktion des Computerzeitalters. Hg. v. Martin Klepper, Ruth Mayer und Ernst-Peter Schneck. Berlin, New York 1996. -
  • Hypermedia and Literary Studies. Hg. v. Paul Delany und George P. Landow. Cambridge, Mass., London 1991. -
  • Kamzelak, Roland S. (Hg.), Computergestützte Text-Edition (Tübingen: Niemeyer, 1999) -
  • Kamzelak, Roland S., Eine Editionsform im Aufwind: Hypertext. Dargestellt am Beispiel der Tagebücher Harry Graf Kesslers. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft XL (1996), S. 487-504. -
  • Kamzelak, Roland S., Hypermedia und Philologie. In: Jahrbuch für Computerphilologie 1 (Paderborn: mentis, 1999), S. x-x. -
  • Klausnitzer, Ralf, Hypertext in der Germanistik? Chancen für die Mehrdimensionalität wissenschaftlicher Texte. Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge. VII 2 (1997), S. 352-356. -
  • Kuhlen, Rainer, Hypertext. Ein nicht-lineares Medium zwischen Buch und Wissensbank. Berlin 1991. -
  • Landow, George P., Hypertext 2.0. Being a revised, amplified edition of The Convergence of Comtemporary Critical Theory and Technology. Baltimore, London 1997. -
  • Multi Media Mania. Reflexionen zu Aspekten Neuer Medien. Hg. v. René Pfammatter. Konstanz 1998. -
  • Nelson, Theodor H., Getting it out of our System. In: Information Retrieval. A Critical Review. Hg. v. George Schecter, Washington 1967. S. 191-210. -
  • Nelson, Theodor H., Literary Machines, Edition 87.1: The Report on, and of, Project Xanadu concerning Word Processing, Electronic Publishing, Hypertext, Thinkertoys, Tomorrow´s Intellectual Revolution, and certain other Topics including Knowledge, Education and Freedom. Autor, 1981. -
  • The Digital World. Text-Based Computing in the Humanities. Hg. v. George P. Landow und Paul Delany. Cambridge, Mass., London 1993.